Aktuelle Diskussion um das geplante Archiv- und Dokumentationszentrum Eifelwall
Aktuelle Diskussion um das geplante Archiv- und Dokumentationszentrum Eifelwall
Aktuelle Diskussion um das geplante Archiv- und Dokumentationszentrum Eifelwall
Historisches Archiv, Kunst- und Museumsbibliothek, 1. Preis: waechter + waechter architekten bda

25.06.2013

Gut vier Jahre nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln und fast zwei Jahre nach dem von Waechter + Waechter Architekten BDA gewonnenen Wettbewerb für einen Neubau, werden Konzept und Umfang des Projektes nun von Ratspolitikern und Teilen der Öffentlichkeit in Frage gestellt. In einem offenen Brief rufen der BDA Köln, das Architektur Forum Rheinland und das Haus der Architektur Köln dazu auf, die Planungen weiterzuführen und kritisieren zugleich den leichtfertigen Umgang der Stadt mit dem Instrument des Architektenwettbewerbs.


Offener Brief an den Oberbürgermeister Jürgen Roters, die Ratsfraktionen von SPD, CDU, Die Grünen, FDP, das Kulturdezernat und das Baudezernat

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Roters,
sehr geehrte Damen und Herren,

anlässlich der Meldungen über Veränderungen der bisherigen Planungen zum Archiv- und Dokumentationszentrum am Eifelwall möchten wir Ihnen mit diesem Schreiben unsere Sorge um Inhalte, Institutionen und das Verfahren der Umsetzung mitteilen.

Vorab drei Zitate aus der Dokumentation des Wettbewerbesergebnisses "Neubau Historisches Archiv / Kunst- und Museumsbibliothek" von Juli 2011:

"Mit dem Neubau am Eifelwall/Luxemburgerstraße werden die kulturellen und historischen Schätze unserer Stadt wieder ein würdiges Zuhause bekommen, nachdem ihnen am 3. März 2009 der Boden unter den Füßen entzogen wurde. (...) Nach dem Einsturz des Historischen Archivs ist es mir ein besonderes Anliegen, es als Bürgerarchiv in unserer Stadtgesellschaft fest und sicher zu verankern." Oberbürgermeister Jürgen Roters

"Mit dem Neubau entsteht ein Kulturzentrum für Dokumentation und Forschung, welches allen Bürgerinnen und Bürgern offen steht. Neben dem Historischen Archiv der Stadt Köln werden mit der Kunst- und Museumsbibliothek und dem Rheinischen Bildarchiv zwei weitere wichtige Kulturinstitutionen in den Neubau einziehen. (...) Der Wettbewerb war ein Prozess, der von kritischen Analysen, fruchtbaren Diskussionen und ergebnisorientierter, konstruktiver Arbeit geprägt war." Georg Quander, Kulturdezernent

"Wie kein anderer Wettbewerb der vergangenen Jahre hat das Verfahren zum Neubau des Historischen Archivs und der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln am Eifelwall besondere Aufmerksamkeit erfahren. (...) Schon vor dem Unglück war mit der Standortsuche für einen Neubau des Historischen Archivs begonnen worden. Die Entscheidung für den Eifelwall traf der Rat der Stadt Köln dann in seiner Sitzung am 10. 09. 2009. Mit dieser Entscheidung ist auch eine bewusste städtebauliche Setzung verbunden." Bernd Streitberger, Baudezernent

Diese Aussagen und Entscheidungen, die das Wettbewerbsergebnis in der Dokumentation der Stadt Köln würdigten, erscheinen heute, ganze 21 Monate später, in der politischen Diskussion offensichtlich bereits völlig überholt. Dies mussten die Unterzeichner der aktuellen Presseberichterstattung und persönlichen Gesprächen entnehmen. Diese Entwicklung wird mit großer Irritation und Sorge wahrgenommen. Unsere Kritik bezieht sich dabei auf drei Punkte:
Der Umgang 1. mit dem Historischen Archiv der Stadt Köln (HAStK) 2. mit der Kunst- und Museumsbibliothek (KMB) und 3. mit dem Planungsverfahren allgemein.

Zu 1. - HAStK: Die im Artikel des Kölner Stadtanzeigers vom 05.04. wiedergegebenen Aussagen: "Vier Jahre nach dem Einsturz lasse sich die Diskussion "mit mehr Sachlichkeit" führen." und "Auf jeden Fall lasse sich an der Ausstattung sparen. "Die wollen sich da einen kleinen Palast hinsetzen", heißt es im Rathaus." sind gegenüber den Geschehnissen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs und den Anstrengungen zur Behebung der katastrophalen Schäden unpassend und kontraproduktiv. Solche Verlautbarungen sind ein Affront für alle, die sich ehrenamtlich oder hauptamtlich um die Neuaufstellung von Archiv und Archivalien bemühen. Wie stellt man sich im Rathaus in diesem Zusammenhang einen Aufruf zu Spenden für die Restaurierung des Kölner Archivgutes vor?
Einerseits erkennen die Unterzeichner an, dass in der gegenwärtigen Haushaltslage alle kommunalen Bereiche und Institutionen auf Einsparpotentiale überprüft werden müssen. Andererseits ist es nicht so, dass vor zwei Jahren bei der Erarbeitung der Vorgaben zum Wettbewerb und der Durchführung des Verfahrens mit zu wenig Sachlichkeit oder gar unsachlich gearbeitet worden ist.
Es war allerdings erklärtes Ziel von Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft, jahrelanger mangelnder Wertschätzung und Sorgfalt gegenüber der Einrichtung HAStK und deren Inhalten, nun eine neue Sorgfalt und Wertschätzung entgegenzusetzen. Dies drückte sich in der Standortwahl, der Kombination mit weiteren wichtigen Kultureinrichtungen und dem Stellenwert des Planungs- und Wettbewerbsverfahrens aus. Verfahren und Inhalte des Wettbewerbs wurden von denselben Ratspolitikern beschlossen und der Siegerentwurf von denselben politischen Vertretern stimmberechtigt in der Jury mitgekürt, die nun keine zwei Jahre später eine völlige Veränderung des Projekts im Hinblick auf Standort, Struktur und Wiederaufbau fordern. Dabei ist die schwierige Finanzlage der Stadt Köln vor zwei Jahren bereits weitgehend bekannt gewesen.

Zu 2. - KMB: Es war lange diskutiertes und von der aktuellen Ratspolitik beschlossenes Ziel, die Kunst- und Museumsbibliothek mit inhaltlichen und funktionalen Synergien im neuen Bau mit unterzubringen. Diese Kunstbibliothek wurde in Köln bereits seit 1888 als öffentliche, allen Bürgern zugängliche Einrichtung aufgebaut. Sie stellt, wie das Stadtarchiv, eine Basiseinrichtung für den Kunst- und Kulturbetrieb dar, die zur Erarbeitung der publikumswirksameren Ausstellungen und Veröffentlichungen der öffentlich stärker wahrgenommenen Museen und Forschungseinrichtungen die Grundlagen vorhält. Hierfür wurde sie über Jahrzehnte auch erheblich mit öffentlichen Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Natürlich darf und kann ein Diskurs darüber geführt werden, ob es Aufgabe einer einzigen Kommune sein soll, eine große Kunst-Spezialbibliothek alleine zu finanzieren. Eine Verneinung dieser Frage darf allerdings nicht zur kurzfristigen Zerschlagung einer derartigen Institution (als "Dezentralisierung" bzw. "Aufteilung auf die Museen" bemäntelt) führen. Bisher konnte der Eindruck nicht entkräftet werden, dass die zuständige Kulturverwaltung ihren Aufgaben zur Suche nach Mitbetreibern für die KMB allenfalls mit deutlich zu geringen Anstrengungen nachgekommen ist. Bevor diese Aufgabe nicht mit Engagement und Einsatz erledigt worden ist, dürfen keine Entscheidungen getroffen werden, die bestehende Strukturen und Bestände zerstören und der öffentlichen Nutzung durch die Bürger entziehen. Nicht nur die Einrichtungen der öffentlichen Kulturwahrnehmung - wie Musik, Theater und Museen, sind Teil einer nachhaltigen Kulturpolitik, sondern auch das "Schwarzbrot" der Basiseinrichtungen. Auch in diesem Fall gilt: Eigentum verpflichtet, insbesondere öffentliches.

Zu 3. - Verfahren: Jahrelang wurde eine Neuaufstellung des HAStK und der KMB in Politik, Verwaltung und Fachöffentlichkeit, auch weit über Köln hinaus, diskutiert. Konzept- und Standortsuche wurden bereits lange vor der Einsturz-Katastrophe erörtert. Eine stärkere öffentliche Wahrnehmung und bessere Nutzungsmöglichkeiten für die finanzierenden Bürger von Archiv und Bibliothek wurden ebenso befürwortet, wie ein prägnanter, innenstadtnaher und gut zu erreichender Standort. Es gibt keine Gründe, diese Entscheidungen bereits wenige Monate später völlig in Frage zu stellen, auch wenn nach weiteren Einsparpotentialen gesucht werden muss.
Darüber hinaus ist die Art der Diskussion über Standort und Entwurf des Archivs ein schlechtes Zeichen für das kommunale Wettbewerbswesen und das entsprechende baukulturelle Agieren der Stadt Köln. Erstrecht bei einem überregional wahrgenommenen Verfahren sollte auch vor dem Hintergrund noch enger gewordener finanzieller Möglichkeiten nicht 21 Monate später das ganze Ergebnis in Frage gestellt werden. Dann ist die entsprechende Vorarbeit zur Aufgabenstellung und Ausschreibung von Verwaltung und Politik offenbar nicht sorgfältig und vorausschauend genug geführt worden. Vor dem Hintergrund von Sparzwängen würden hierdurch Kosten in deutlich sechsstelliger Höhe für ein kurze Zeit später obsoletes Wettbewerbsergebnis verschwendet, zuzüglich der seitdem angefallenen Verwaltungs- und Planungskosten.
Baukultur ist auch Verfahrenskultur - Im Rahmen des Wettbewerbs zum Neubau des Historischen Archivs wurde eine Vielzahl an hochwertigen Lösungsansätzen erarbeitet. Die Infragestellung der Ergebnisse hat somit auch eine Vergeudung von geistigen und finanziellen Ressourcen der beteiligten Architekten zur Folge. Das Signal, das in die republikweite baukulturelle Öffentlichkeit und an Teilnehmer zukünftiger Kölner Architekturwettbewerbe in Bezug auf Ernsthaftigkeit und Verlässlichkeit von Kölner kommunaler Planung gegeben wird, ist verheerend. Mit einer "ein Schritt vorwärts - zwei Schritte zurück"-Kulturpolitik wird sowohl innerstädtisch Vertrauen in das Handeln der politischen Entscheidungsträger vernichtet, als auch der Kulturstandort Köln republikweit beschädigt.

Weiteres Vorgehen

Aus den genannten Gründen fordern die Unterzeichner die Verantwortlichen und Entscheidungsträger im Kölner Rat und in der Kölner Verwaltung auf:

Der Standort für das neue Archiv sowie das gefundene städtebauliche und architektonische Konzept sind nicht grundsätzlich infrage zu stellen! Der Standort am Eifelwall als Bestandteil des Masterplans (Etablierung Grüngürtel als Wissensring) wurde im Vorfeld des Wettbewerbs untersucht und die unmittelbare Nähe zur Universität und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen ergibt tatsächlich zahlreiche stadtplanerische wie inhaltliche Synergieeffekte.
Die Planung darf, auch im Sinne von Einsparzwängen, nicht (weiter) gestoppt werden. Eine Entscheidung zu einem Planungsstopp sollte nicht von der Gebäudewirtschaft der Stadt Köln ohne politische Beschlüsse getroffen werden.
Es müssen größte Anstrengungen aller Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung unternommen werden, die Institutionen HAStK und KMB sowohl zu erhalten, als sie zeitnah, zuverlässig, arbeitsfähig und bürgerfreundlich unterzubringen.
Unter diesen Zielsetzungen sollen nachhaltige und strukturerhaltende Einsparpotentiale gesucht werden, z. B. über eine Erstellung der Bauten in zeitlich gestreckten Abschnitten, mit vereinfachtem Ausbaustandard und unter festgelegtem Kostenrahmen.
Insbesondere zum Erhalt der KMB muss verstärkt nach Partnern für den weiteren Betrieb der KMB gesucht werden: Bei den Universitäten Köln und Bonn, bei weiteren Kommunen und Museen, in der Kunstszene, Galerien etc.
Das Kölner Wettbewerbswesen muss insbesondere von städtischer Seite mit einer Ernsthaftigkeit, Sorgfalt und Selbstverpflichtung betrieben werden, die es erlaubt, auch von privaten Vorhabenträgern die gewünschten Beiträge zur Baukultur und Verbesserung des Stadtbildes einzufordern. Der Kommunalpolitik muss klar sein, dass die Durchführung eines Wettbewerbes eine gute Vorbereitung durch verlässliche Beschlüsse und Entscheidungen erfordert: Die Qualität und Umsetzbarkeit der Wettbewerbsergebnisse hängt von der Qualität der vorbereitenden Willensbildung ab!

Mit freundlichen Grüßen
Für die Vorstände und Geschäftsführungen unterzeichnet von:

Architektur Forum Rheinland
Bund Deutscher Architekten BDA Köln
Haus der Architektur Köln

 



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